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"HOMELAND SECURITY", 2010-2012
Eine Reihe bestehend aus 14 Gemälden, je 80x60cm (alle Bilder nebeneinander ergeben: 420x160cm).
Öl auf Leinwand, Privatsammlung, Deutschland.

 

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Das Konzept:

KONZEPT von "Homeland Security" 2010-2012, Gemäldereihe bestehend aus 14 Gemälden:

Als ich im Sommer 2010 eine Straße lang ging habe ich vor einem Zeitungskiosk das Deckblatt des TIMES Magazins gesehen auf dem eine junge schöne Afghanin mit einer abgeschnittenen Nase zu sehen war. Daneben stand „What happens if we leave Afghanistan“. Ich war zunächst von dem Bild bewegt. Dieses Bild hatte eine unglaubliche Kraft. Einige Minuten später dachte ich: „ Ich hatte doch bereits in Pushkar und Bombay derart verstümmelte Frauen gesehen. Damals hatten die Verstümmelungen der Frauen mich zwar auch geradezu erschreckt, aber beim weiten nicht so bewegt wie diese Afghanin. Warum eigentlich? Die Frauen in Indien waren älter und nicht schön. Die Afghanin war dagegen jung und schön.

Wer schon mal in Indien war der wird schon öfter Frauen mit abgeschnittenen Nasen gesehen haben. In Indien sah man das sehr oft. Frauen mit abgeschnittenen Nasen bettelten dort an jeder Ecke an der Touristen vorbeizogen. Und trotzdem war Indien - im Gegensatz zu Afghanistan welches das Image eines Terroristenlandes genoss - das Land von Ghandi. Nett, demokratisch, aufgeklärt... Niemand machte wegen der vielen Frauen mit abgeschnittenen Nasen Indien schlecht oder wollte in Indien einmarschieren sie zu befreien oder der gleichen. Die Tausende von verstümmelten Frauen Indiens interessierten niemanden und das obwohl eigentlich jeder davon wusste und obwohl dies so wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden zum Indienbild dazugehörte und obwohl dieses Bild der Frauendemütigung, welches in Afghanistan abfotografiert wurde wahrscheinlich seine Ursprünge in Indien hatte.

Das Foto auf der Titelseite der Times suggerierte nur, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen den USA, der militärischen Anwesenheit der USA in Afghanistan und schönen  Frauen mit abgeschnittenen Nasen gab – alles andere klammerte es aus. „Wie kann man denn nur diese zwar Aussagen in einen so direkten Zusammenhang bringen. So tun, als würde eine Militärintervention überhaupt irgendetwas an diesem Bild verändern. Es beeinflussen, oder es überhaupt beeinflussen wollen? Und trotzdem. Es funktionierte. Es funktionierte auch bei mir. Ich sah das Bild, las den Text daneben und konnte nicht anderes als die Text-und Bildaussage als Eines zu lesen. Und das so stark und eindringlich“, dachte ich und kehrte wieder zurück zu dem Kiosk um mir die Times-Ausgabe zu kaufen.

Mit dem Heft in der Hand dachte ich weiter: „Diese Kunst Dinge miteinander zu verknüpfen, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben, die heißt doch Politik. Man nehme ein Bild welches sehr stark ist und knüpfe ein beliebiges Ziel daran und plötzlich wird dieses Ziel ein moralisches und absolut notwendiges. Ein Politikum. Etwas das sofort erledigt werden musste. Ein Weg der beschritten werden muss – wie in einem hollywood-blockbuster – um die Welt zu retten. Wie in der Anleitung zum Drehbuchschreiben nach Joseph Cambell um die schöne Prinzessin zu retten. Dadurch konnte nicht nur die Schöne gerettet, sondern gleichzeitig jeder der diesen Weg beschritt zum Helden werden.

Was mich aber am meisten an dieser Verknüpfung von Bild und Ziel ärgerte war die Tatsache, dass nicht etwa die schöne Afghanin oder irgendeinen Afghanin mit derart Bild-Ziel-Verknüpfungen gerettet wurde, sondern ganz im Gegenteil. Diese Verknüpfungen hatten es zum Ziel die bestehenden Machtordnung zu sichern und damit auch die Menschenrechtsverletzungen, die sie angeblich verhindern wollten.

Wie ist das zu verstehen?

Die Aussage der Bilder war um es ganz einfach zu sagen: „Wenn sich etwas verändert, werden schönen Frauen die Nasen abgeschnitten werden. Es ist daher besser, wenn alles so bleibt, wie es ist.“ Das bedeutet aber doch einerseits, dass die bestehenden Machtverhältnisse erhalten bleiben und andererseits, dass – wenn es so ist – weiter schönen Frauen die Nasen abgeschnitten werden. Es bewirkte also das Gegenteil dessen was es zu bewirken vorgab („Der Mensch ist keine Insel. Ziehst du an einem Ende dann veränderst du etwas an dem anderen. Und wenn du etwas umwälzen willst, dann ist es eigentlich egal an welcher Stelle du es tust oder beginnst. Am leichtesten ist es wahrscheinlich etwas in New York zu verändern, wenn man eine Veränderung in Kabul herbeiführen will. Das Schlimmste ist aber – wenn du etwas verändern willst – alles so zu belassen wie es ist, denn damit veränderst du gar nichts“, denke ich in diesem Zusammenhang).

Umso mehr ich darüber nachdachte, desto wütender wurde ich, denn ich kam immer mehr zu dem Schluss, dass das Mittel der Bild-Ziel-Verknüpfung auf der Titelseite der Times und auch andernorts von den Medien ohne jeder Rücksicht auf das Ziel oder die Ethik missbraucht wird. Es werden sogar „Pseudoziele“ nach dem Muster „Befreie die schöne Prinzessin (oder noch schlimmer: Kinder) in einem fernen Land“ nur dazu hergestellt und ein Pseudoziel aufzubauen, weil diese Pseudoziele waren auch immer die Expositionen von Geschichten, die immer mit der „Prinzessin die befreit werden wollte“ begannen und die immer weiter fortgesetzt wurden, sehr oft nur um die Verkaufszahlen von Zeitungen oder Einschaltquoten von TV-Sendern zu erhöhen. Kannten man erst einmal die Prinzessin, wollte man wissen, welcher Held es schaffen würde sie zu befreien.

Unter all dieser „Produktion“ von Geschichten, die das Dasein von Medien begründeten steckte aber noch etwas Tieferes und das war nichts anders als der pure, alte und vergraute Konservatismus. Mit immer  neuen Geschichten musste das alte immer wieder neu begründet werden. Die alten unpopulär und verstaubt wirkenden Ziele und Ordnungen brauchten immer wieder neue Kleider um populär zu werden um eine Sprache zu finden mit der die „Jugend“ sprach und mit der der Jugend klargemacht werden konnte, dass alles so bleiben muss, wie es ist.

Davon und davon, dass es nicht egal ist, ob das Dargestellt schön ist oder nicht, handelt diese Gemäldereihe. Die Schönheit – die oft zu einem unantastbaren Allgemeingut erhoben wird – scheint mit dabei als ein Gleichschaltungsinstrument zu dienen. Durch die Tatsache bereits, dass Menschen unwillkürlich darin übereinstimmen was schön und was nicht schön ist und dass sie sich selbst verletzt fühlen, wenn die Schönheit verletzt wird, scheint mir begründet warum es schöne und nicht hässliche Menschen sein müssen, die unser Herz so sehr zu bewegen vermögen. Um das zu visualisieren und zu verdeutlichen habe ich Schönheiten und nicht Durchschnittsmenschen gemalt.

Ich habe möglichst starke Bilder gemalt, um zu zeigen wozu starke Bilder benutzt und wie sie umgedeutet werden. Damit – im weitesten Sinne - immer die selben verlieren und immer die gleichen gewinnen. Das ist das Prinzip für welches die Politik, die Banken, die Wissenschaft, die Religion und die Medien arbeiten.

Unsere Gesellschaft ist eine Angstgesellschaft, weil sie durch die Medien, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft – die nach ihrer Daseinsberechtigung suchen - dazu gemacht wird. Man wird als Journalist, Politiker, Arzt, Wissenschaftler, nahezu in jeden Berufszweig dafür bezahlt an die Frage „Was passiert wenn sich etwas verändert?“ Ängste zu knüpfen.

Daneben will ich noch anführen, dass die Bilder und Aussagen beliebig von mir zusammengestellt wurden. Ich habe die Serie nicht gemalt um auf das schlimme, das in der Welt passiert hinzuweisen, sondern um mich damit auseinanderzusetzen wie „das schlimme in der Welt“ medial missbraucht werden kann und wie es zum Handelsgut erhoben wird und um den Konservatismus damit zu kritisieren, der hier neu bekleidet wird.

Natürlich gibt es viel zu viel schrecklichen Elend auf dieser Welt und natürlich ist es gut und wichtig sich damit auseinanderzusetzen, dem vorzubeugen oder es zu verhindern. Dies aber zu einer Industrie zu machen und womöglich um diese Industrie am laufen zu halten um die Nachfrage zu stillen noch mehr Elend zu produzieren, es vergrößern oder sogar herauszustellen, das geht zu weit.

Das Leben ist manchenorts sehr hart und ungerecht. Das ist es schon immer gewesen. So viel Geld durch diese Ungleichheit war aber wohl noch nie zu verdienen möglich gewesen wie heute. Ob Regierungen, Regierungsorganisationen, NGO’s, Wirtschaftsunternehmen oder manche Einzelpersonen aus dem Showbusiness, alles scheint von dem Elend dieser Welt angezogen zu werden. Alles schreibt es sich selbst auf die Fahne will als der Weltenretter von den Kameras festgehalten und verewigt werden. Und wie zufällig wird nebenbei ein Sender, Sendung, der neue Film, das neue Album, ein Medikament, ein Produkt – nicht selten sogar Waffen – promotet oder die Rohstoffförderungsrechte verschachert. Aber auf wessen Schultern eigentlich? Und was haben die tatsächlichen Opfer davon? Wer ist denn derjenige der dabei gewinnt und der, der ewige Verlierer bleibt? Ganz egal wie viele TV-Sender, Politiker, Superstars, Helfershelfer den Opfern die Hand zu schütteln kommen und was seinen Platz auf den Titelseiten der Magazine findet, am Ende steigen nur die Verkaufszahlen der Magazine und der Leser bleibt mit dem Gefühl zurück: „Na, da habe ich aber noch einmal Glück gehabt, dass ich hier in Deutschland oder den USA lebe. Ein George Bush, McDonalds, RWE, die Kirche oder Angela Merkel, das also was meine Welt bestimmt, ist wohl mehr als ein Geschenk  zu bezeichnen und zu ehren, wenn ich mir das ansehe, was in der Welt „da draußen“ passiert und was mir ohne der Angela Merkel zustoßen würde“.

Ich kann mich erinnern vor fast zehn Jahren eine preisgekrönte Fotostrecke gesehen zu haben.  Auf den Fotos waren afrikanische Kinder, die sich mitten auf der Straße abgeschlachtet hatten, zu sehen. Als ich das Foto sah, fragte ich mich: „Aber was hat denn der Fotograf währenddessen getan? Das Kind das da gerade vor seinen Augen erschlagen wurde, muss nur wenige Schritte von ihm entfernt gewesen sein. Würde er in diesem Moment dazwischen treten, könnte er das Leben des Kindes retten. Aber er tat es nicht. Er machte nur Fotos davon, wie ein Kind vor seinen Augen erschlagen wurde und bekam dafür den World Press Award. Ja, man sagt, dass ein Foto auf der Titelseite der Times mehr hilft als das Retten eines Menschenlebens. Ich sage: völliger Blödsinn. Das Foto hilft nur dem Fotografen, der Zeitung die es abdruckt und den Veranstaltern des World Press Award. Das Kind wird neben all den Preisen, Geldern, die an die verteilt werden, die tatenlos seinem Sterben zusahen und sich Sektgläser haltend gegenseitig auf Wohltätigkeitsempfängen beglückwünschen, ganz schnell vergessen werden. Und im nächsten Jahr wird es wieder eine ganz neue, ganz schreckliche und ganz wichtige Katastrophe geben. Über sie wird man mehr als über alles andere berichten müssen, wird es dann heißen, denn dafür wird es neues, frisches Geld und neue Preise die es zu gewinnen gilt geben. So wie eine Automobile-Messe davon lebt, dass jedes Jahr neue Automodelle rauskommen, scheint die Presse, Politik und Wirtschaft (das was ich Konservatismus nenne) von dem Elend und den Katastrophen dieser Welt zu leben. Diese scheinen mir nicht ihre Gegner, sondern ihr Nahrungsmittel zu sein.

Sebastian Bieniek (Mai 2012)


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Mehr zum Thema gibt es in dem Buch "REALFAKE" von Sebastian Bieniek (erhältlich auf amazon.de): Link zu REALFAKE auf amazon.de

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Dokumentation der Entstehung in Bildern (mehr Bilder gibt es auf Facebook)

   

   

   

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Demänchst wird eine Video entstehen, welches zusätzlich die Entstehung dieser Gemäldereihe dokumentiert.

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Aus der Arbeit an dieser Gemäldereihe ist die Idee zu der Gemäldereihe "Tribut to the frame" entstanden.

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